NZZ     NEUE ZÜRCHER ZEITUNG       12. Juli 2010       Zürich Kultur

Georgette Maag und Denise Kobler im Museum Bärengasse in Zürich Verwunschene Welten

12.7.2010

Zwei Atelierstipendien unterschiedlicher Fördergremien führten im Sommer 2006 die Künstlerinnen Georgette Maag (geb. 1955) nach Scuol-Nairs und Denise Kobler (geb. 1963) nach London. Das Atelier im Unterengadin stellt die Stiftung Binz 39 / Fundaziun Nairs zur Verfügung,

Suzanne Kappeler Zwei Atelierstipendien unterschiedlicher Fördergremien führten im Sommer 2006 die Künstlerinnen Georgette Maag (geb. 1955) nach Scuol-Nairs und Denise Kobler (geb. 1963) nach London. Das Atelier im Unterengadin stellt die Stiftung Binz 39 / Fundaziun Nairs zur Verfügung, das Atelier in London wird vergeben vom Aargauer Kuratorium, einer Institution des Kantons Aargau.

Elektronischer Dialog
Aus den beiden so unterschiedlichen Aufenthalten entstand zwischen den beiden Frauen ein intensiv geführter, elektronischer Dialog in Texten und Bildern, in dem Alltagsgewohnheiten und prägende Erlebnisse ausgetauscht wurden. Die Ausstellung im Museum Bärengasse führt dieses Gespräch visuell weiter und gibt Einblick in die Videoarbeiten, Fotografien und Pastellzeichnungen der beiden Künstlerinnen.

Eine 36-teilige Fotoserie von Maag, in der sie alle Sitzbänke auf ihrem Weg vom Atelierhaus am Inn zum Dorf Scuol hinauf und wieder zurück porträtiert, eröffnet die Schau und zeigt die geduldige Beobachterin des Alltäglich-Unspektakulären, die nicht das prächtige Bergpanorama oder den stahlblauen Unterengadiner Himmel ins Zentrum rückt, sondern das schiefergraue Wasser des Flusses, das Betonband der Autostrasse oder die Baumkulisse aus Föhren und Lärchen. Immer wieder spielt das Wasser eine Rolle, etwa in der Videoarbeit «Ungeklärte Ursache», wo wir auf einen Teich blicken, in dem sich Säulen und Blumenbuketts spiegeln – Überreste des Gartens eines ehemaligen Grand-Hotels mitten im Wald.

Gemächlich ziehen die Fische ihre Kreise im Wasser und bilden einen Anknüpfungspunkt zu Koblers schillernden Bildern von Seeanemonen, die sie im Londoner Aquarium fotografierte. Die geheimnisvollen Meeresbewohner, seien es Seepferdchen in einer Videoarbeit in unwirklich scheinenden Blau-, und Grüntönen, seien es grossformatige Pastellzeichnungen von Quallen, sind ein Leitthema in den Londoner Arbeiten Koblers. Die zarten, transparenten Farben und organisch ausufernden Formen in den «jellyfish squeeze» genannten Malereien wirken traumartig entrückt, weit entfernt vom hektischen Londoner Stadtleben. Tagebuchartige Tierzeichnungen von Fledermaus und Hirsch, aber auch eines Frauenfusses oder eines Torsos, zeigen das Abgründige hinter dem gewohnten Blick.

Dramatische Lichtstimmungen
Diese stille Welt wird gebrochen durch aufwühlende Fotografien von einer Londoner Feuersbrunst. Dem Flammenmeer antworten wiederum die intensiven Gelb- und Rosatöne der Videoarbeit «Carola» von Georgette Maag, die die Fassade eines Engadiner Hauses in wechselndem Licht zeigen. Es sind die Elemente von Licht, Himmel, Wasser und Landschaft, welche die Künstlerin an ihrem Aufenthalt im abgeschiedenen Nairs faszinieren. Das kontemplativ Beiläufige ist ihr Thema, das sie in mannigfaltiger, oft ritualisierter Form variiert, etwa wenn sie von ihrem Bett aus in ungewöhnlicher Perspektive die am blauen Himmel ziehenden Wolken fotografiert oder in vier übereinander gestapelten Monitoren als Videostudie in Echtzeit einen Landschaftsausschnitt mit den vor ihrem Atelierfenster spärlich vorbei gleitenden Fahrzeugen inszeniert.

Suzanne Kappeler       NZZ Zürich Kultur     12. Juli    2010

 
Familienausflug ins Algenbad « Schwäne » River Lea London    2010                                                   © by Denise Kobler                                                                                                  

Familienausflug ins Algenbad « Schwäne » River Lea London2010                                                   © by Denise Kobler